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Betrauerbarkeit von Flüchtlingsleid

Betrauerbarkeit von Flüchtlingsleid.

In Österreich hat der Sprachgebrauch von Innenminister Herbert Kickl, der diejenigen, die in ein Asylverfahren eintreten, konzentriert an einem Ort gehalten sehen will – für Empörung gesorgt. Tausende gingen in Wien auf die Straße, um ihren Unmut über die neue Regierung zu artikulieren. Es zeigt sich, dass der Kulturkampf, der im deutschsprachigen Raum ausgefochten wird, sehr viel mit dem zu tun hat, was die Philosophin Judith Butler in ihrer Ethik der Gewaltlosigkeit schon seit Jahren erforscht hat und nicht müde wird, öffentlich zu bemerken: dass die latente und manifeste Unterteilung in zwei Klassen von Menschen immer offensichtlicher wird dieser Tage, nämlich in Betrauerbare und Unbetrauerbare.

 

Ausgehend von prekären Situationen – besonders bekannt (und nicht zuletzt mit politisch-ideologischer Absicht ebenso fehlinterpretiert) ist Butler für ihre wissenschaftlichen Verdienste zum Thema Gender – beklagte sie bereits vor Jahren das viel tiefer liegende Problem der Gewalt, welches die prekäre Situation erst „prekär“, also gefährlich macht. Dieses Problem ist politisch, wird es auch gerne von Rechtspopulisten und „christlichen“ Fundamentalisten als sexuell perverses Hirngespinst der LGBT-Bewegung verunglimpft. Als Menschen erster Klasse gelten laut neuer "Verfassung" (vgl. Regierungsprogramm) in Österreich heterosexuelle Christen, als Menschen zweiter Klasse gelten Muslime und Nicht-Heterosexuelle. Trotz der demokratischen Durchsetzung einer “Ehe für alle“, trotz eines Rechtes auf Asyl!

 

Die 1937 von Pius XI verfasste Enzyklika Mit brennender Sorge, die deutschsprachig nur unter der Hand verteilt werden konnte, hat dieses die öffentliche Ordnung außer Kraft setzende Phänomen der (faschistischen) Unterteilung von Menschenleben in quasi betrauerbar und unbetrauerbar, das heißt in lebenswert und lebensunwert, aus christlicher Sicht verurteilt:

 

„Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung – die innerhalb der irdischen Ordnung einen wesentlichen und ehrengebietenden Platz behaupten – aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge. Ein solcher ist weit von wahrem Gottesglauben und einer solchem Glauben entsprechenden Lebensauffassung entfernt.“