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Gesichter der Flucht. Wie eine ungeborene Syrerin sich ins Leben kämpfte.

 

Gesichter der Flucht. Wie eine ungeborene Syrerin sich ins Leben kämpfte.

Es gibt Geschichten, die werden nebenbei erzählt. Zum Beispiel bei einer Fortbildung für Erzieherinnen zum Thema Sprachförderung. Das Wort von der Gänsehaut ist zu schal, wenn man beschreiben möchte, was man fühlt, wenn sich Bilder vor einem auftun von Menschen, die so Unbeschreibliches überstehen müssen. Ich mache es kurz. So kurz wie eine pädagogische Fachkraft in der Kaffeepause. Ein syrisches Mädchen hing sieben Stunden im Becken ihrer Mutter fest, während diese sich mit ihrer Familie, ihrem Mann und weiteren Kindern, auf der Flucht befand. Nach ihrer Geburt ließ man das Mädchen liegen, da man sie für tot hielt, bettete sie provisorisch inmitten verstörter Menschen. Dann der Augenblick, der alles verändert: sie lebt noch! Mit ihrer Familie schafft die Kleine es nach Europa. Doch hier gibt es sie offiziell gar nicht. Ihre Familie versteckt sie. Die Angst, dass schwerbehinderte Kinder nicht erwünscht sind, ist zu überwältigend. In Deutschland bezieht die Familie, nachdem nochmals ein Kind unterwegs ist, gemeinsam mit einer anderen Flüchtlingsfamilie ein Haus. Ihre deutschen Nachbarn, die sich in der Integration engagieren und zum selben Zeitpunkt Eltern geworden sind, laden die syrische Familie ein, gemeinsam das Babyglück zu feiern. Es hatte Zeit gebraucht, fünf Jahre, bis eine syrische Mutter sich traute, ihr Leid zu offenbaren. Einer Nachbarin. Da ist noch ein Mädchen. Ein schwerbehindertes Mädchen, das nur liegen kann und nicht sprechen. Ein Mädchen, das so große Verlustängste hat, dass die Mutter den Raum nicht verlassen kann. Und die ständige Panik, dass man sie zurückschickt in den Krieg, weil ein so krankes Mädchen in Deutschland sicher kein Asyl bekommt!

Allein durch den Zuspruch und die Zuneigung der Nachbarn gelang es der syrischen Familie, nochmals über sich hinaus zu wachsen und allen Mut zusammen zu nehmen, um sich nach fünf Jahren den deutschen Behörden anzuvertrauen: Da ist noch ein Mädchen.

Heute besucht dieses Mädchen einen Kindergarten. Sie kann mittlerweile sitzen und fängt an zu sprechen. Zwei Sprachen. Man erzählt sich von ihr … in der Kaffeepause.