· 

Bella Italia? Cottbus ist überall.

Bella Italia? Cottbus ist überall.

Von meinem Hotelzimmer aus sah das so aus: ein Dutzend junger Männer, klönend, debattierend, miteinander oder am Handy (mit der Heimat?), ein französisch-sprachiger Soundtrack aus Lautsprechern dazu, engagierter Rap, tanzbar. Und ich dachte mir, neugierig über die Fensterbank gelehnt, die Wärme genießend noch am Abend, die Laternen und Lichter der Stadt in der Dunkelheit, die lauten Geräusche der vorbeirasenden oder späte Reisende aufnehmenden Züge direkt unter meiner Residence, einem günstigen Flat-Appartement des Bahnhofviertels von Rovereto im Trentino … ich dachte mir: wie ist das wohl? … als Gestrandeter, als Afrikaner in Norditalien? Ich nippte an meinem Edelvernatsch und fragte mich, ob es nicht schöner ist, in Italien Flüchtling zu sein, als in Deutschland? Inspirierender, chilliger am Lago die Garda, als in einem Hamburger Vorort? Während ich, versunken in Dankbarkeit und Staunen (über die Zitronen, den Lago, die Berge und meinen Sommer), das Schicksal dieser jungen Leute da unten wie einen dringenden Aufruf wahrnahm, es auch im Paradies deutscher Urlauber ernst zu nehmen, beobachtete ich, wie sich ein Mann mittleren Alters, kein Mann of color, sondern ein „Weißer“, zu einem jungen Afrikaner auf die Parkbank setzte. Ungebeten. Er rückte ihm auf die Pelle. Der junge Mann kehrte ihm ab und zu den Rücken zu, wenn jener ihn wiederholt ansprach. Ich lehnte mich ganz bewusst noch weiter aus dem Fenster, falls der junge Mann Hilfe bräuchte, ich hatte ein komisches Gefühl, wollte präsent bleiben. Ich wunderte mich, warum der junge Mann nicht einfach wegging. Jetzt erst fiel mir auf, dass die anderen Leute, mit denen er eben noch zwanglos abgehangen und gefeiert hatte, plötzlich aufgebrochen waren. Ich bin froh, als der Pelle-Rücker mich schließlich sieht, ich hatte mich ja extra weit aus dem Fenster gelehnt, und wie er sich nun seinerseits auffällig unauffällig von dem jungen Mann wegdreht. Das einseitige Gespräch verstummt. Ich gebe zu, ich habe den Pelle-Rücker mit Blicken getötet – bis er grußlos aufstand und verschwand. Das ist jetzt knapp ein halbes Jahr her. In Cottbus hat die Identitäre Bewegung letzte Woche ihren Bürgerkrieg bekommen: den offenen Straßenkampf mit Flüchtlingen. In Italien knallt ein Rassist beinahe sechs Migranten ab. Letzte Nacht hat es geschneit.