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Taktik der Strategielosigkeit oder strategische Taktlosigkeit?

Taktik der Strategielosigkeit oder strategische Taktlosigkeit?

Im Wiener Standard wird dieses Wochenende in Bezug auf Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) die Frage gestellt, ob Herbie nun mehr oder weniger als ein Bummelstudent sei. Viel spannender finde ich die Frage, wie sich vulgäre Taktlosigkeit als rhetorisches Mittel in der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ durchsetzen – und den Ruf von „christlichem Engagement“ und „zivilem Widerstand“ für sich in Anspruch nehmen konnte. Durch die Bank haben öffentlich-rechtliche Medien, sowie das (man nannte es mal) Kabelfernsehen, diese Taktlosigkeiten verbreitet, freilich zunächst nur als die peinliche Provokation der Anderen, die versponnene Weltsicht alter und junger Un-Wilder, die von „ihren“ 68ern oder „ihrer“ Generation X nichts (mehr) hören wollten: Aussteiger aus der Post-Post-Moderne, die diese Moderne nicht (mehr) als die „ihre“ anerkennen wollten. Schließlich hat man die Provokateure angefangen ernst zu nehmen und ihnen den Dialog angeboten – hatten sie eventuell doch etwas zu sagen? Sie gaben ja keine Ruhe, sie organisierten sich weiter, sie forderten auf Demonstrationen der Anständigen die Anständigen zum öffentlichen Widerstand auf gegen die Unterwanderung des Volkes durch Minderheiten (Sex) und der Heimat durch Flüchtlinge (Crime). Und dann kamen Facebook und Twitter und YouTube und Instagram … Und je ernster man es mit den Taktlosen meinte, desto ernster nahmen sie sich wiederum selbst. Und ganz plötzlich sind die Polit-Strategen die Pappnasen und die Taktlosen machen die große Politik. Und das, was gestern noch unmodern war und es auch unbedingt sein wollte, ist heute marktführend. Taktlosigkeit als Marke hat allerdings Strategie. Das alleine ist natürlich noch nichts Neues, denn Provokationen und Taktlosigkeit, das gehört ja irgendwie zusammen. So what? Was ist neu daran? Pop-Kultur regiert uns doch schon so lange, ohne dass es uns gestört hätte (im Gegenteil), und nun soll es auf einmal anders sein: und mir nichts dir nichts poppt uns die Kultur? Mir nichts dir nichts. Das nennt man Populismus. Peinlichkeitsfaktor hin oder her der Rechtspopulismus hat mittlerweile Kult-Status erreicht. Er gibt mir nichts und dir auch nichts. Er ist eine Ich-AG. Trump hat es vorgemacht und nannte es „America first“. Das ist keine Übung, kein Brüderlichkeitsmantra, und das ist politisch nicht korrekt. Von der Demokratie als Staatsform halten und erwarten die Trompeten und Bannons und Kelles und Kubys und Kuglers und Kurzen und Kickl-Goldgrubenbauer und Bonelli-Stra(u)chler und die See(ligen)Hofers nichts – von sich selbst dafür umso mehr, nämlich niemand Geringeren als Gott im Alltag zu heiligen; und deswegen kommen sie selbstverständlich ihrer Christenpflicht nach, all der eigenen Politikverdrossenheit zum Trotz, und poppen in Demut und Reue unsere Kultur. Fürs Himmelreich versteht sich. Also die Bummelstudenten, die ich kannte, die  wahren Philosophen, die wussten jedenfalls immer, wo die nächste Party steigt … Danke dafür!